• Gernot Uhl

Buchtipp: Simone Moro, Nanga im Winter

Für Hobby-Bergsteiger und Kenner der Alpingeschichte ist „Nanga im Winter“ ein echter Lese-Leckerbissen


Der Nanga Parbat ist einer der höchsten Berge der Welt – und einer der gefährlichsten. Wer sich in seine Flanken und Wände wagt, setzt sein Leben aufs Spiel: Die Lawinen, die gigantischen, jedoch brüchigen Eistürme, Seracs genannt, und die Wetterkapriolen sind ständige Risiken – von der lebensbedrohlichen Höhe und von terroristischen Angriffen ganz abgesehen. Obwohl der Nanga Parbat im selben Jahr wie der Mount Everest bestiegen worden ist (1953 von Hermann Buhl), hat er sich nicht zu einem Touristenmagneten entwickelt. Hier suchen seit Bergsteiger-Generationen vor allem die Spitzenalpinisten neue Herausforderungen – so wie Simone Moro. Seine spektakuläre Winterbesteigung gibt es seit kurzem zum Nachlesen – und spektakulär bebildert.


Simone Moro spurt in großen Fußstapfen den Berg hinauf: 1895 hatte der britische Ausnahme-Alpinist Albert Frederic Mummery den ersten Besteigungsversuch unternommen. Er ist nie zurückgekehrt. In den 1930er Jahren hatten die deutschen Spitzenbergsteiger den Nackten Berg für sich entdeckt. Mehrere aufwändig organisierte Expeditionen endeten tragisch. Der Nanga Parbat forderte ein ums andere Todesopfer. Selbst der Erstbesteiger Hermann Buhl wäre beinahe am Berg geblieben, nachdem er eine Horrornacht in großer Höhe zu bestehen hatte. Günther und Reinhold Messner hatten 1970 erstmals die bis dahin undurchstiegene Rupalwand gemeistert und den Nanga Parbat überschritten. Während Günther beim Abstieg von einer Lawine verschüttet worden war, vollbrachte es Reinhold acht Jahre später, als erster Mensch am Nanga Parbat, einen Achttausender im Alleingang zu besteigen.


Welche Herausforderungen sind also noch übrig für einen Spitzenalpinisten wie Simone Moro, der zum Zeitpunkt von Messners erstem Gipfelerfolg am Nackten Berg (Nanga Parbat auf Deutsch) gerade einmal drei Jahre alt gewesen ist (Moro ist Jahrgang 1967)? Die Antwort ist sein Buchtitel: Nanga im Winter.


Das Wetter ist ein entscheidender Faktor beim Bergsteigen. Insbesondere das Höhenbergsteigen ist ein Saisonsport. Weil die Gipfelchancen ohnehin nicht besonders groß sind, wählen die meisten Alpinisten den Frühsommer für ihre Expeditionen. Simone Moro hat sich als besondere Herausforderung eine Winterbesteigung des Nanga Parbat vorgenommen (und geschafft). Sein Bericht von diesem Vorhaben (und dessen Vorgeschichte) hat das Zeug, ein moderner Klassiker der Alpin-Literatur zu werden. Obwohl der Untertitel mit dem traditionellen Bergsteiger-Pathos flirtet – „Eine Geschichte von Ehrfurcht, Geduld und Willenskraft“ – ist das Buch eine eher sachliche Chronik des langen Weges zum Gipfel des Nanga Parbat. Sachliche Chronik? Klingt das nicht wie trockene Tagebuchkost, die lieblos redigiert und zwischen Buchdeckel gepresst worden ist? Mag sein. Aber der Eindruck trügt:


Simone Moro verleiht seiner Schilderung eines extremen Abenteuers die nötige Vehemenz, ohne in unglaubwürdige Übertreibungen zu verfallen.

Es ist wichtig, das Scheitern nicht zu verschweigen – Moro steigt sogar damit ein –, um den tiefen, inneren Antrieb zu verstehen, dem Menschen folgen, wenn sie in die Todeszone steigen. „Das Glück ist nicht das Ziel, sondern der Weg, den jeder von uns für sich wählt oder auf dem man sich befindet“, schreibt Moro, „und dem man sich mit einem Lächeln stellen sollten, anstatt ihn als Strafe zu empfinden.“

Zumal der Spitzenalpinismus von einer Art von Aufmerksamkeit abhängig ist, die sich kommerziell vermarkten lässt. Die Werbepartner, die solche Expeditionen in nicht unerheblichem Maß finanzieren und damit ermöglichen, wollen Sieger sehen, nicht Gescheiterte. Sie gieren nach Typen, deren Ehrgeiz das Außergewöhnliche erstrebt, nicht das Gewöhnliche. Simone Moro schafft es, das Gewöhnliche und das Außergewöhnliche miteinander auf fesselnde Art zu verweben: Die Routinen des Expeditionsalltags mit den immensen Gefahren, den sportlichen Wettbewerb und die Freundschaften von Spitzenalpinisten, die sich dann und wann in verschiedenen Basislagern treffen, die strategische Wahl von Kletterpartnern (oder wie in seinem Fall: eine Partnerin) und die persönliche Bindung an Menschen, mit denen man eine Seilschaft bindet.

Die langwierige Angelegenheit, einen Achttausender zu besteigen – zumal im Winter – findet sich sogar formal im Buch wieder: 86 Kapitel zeugen von der Kleinschrittigkeit, in der Höhenbergsteiger denken (müssen), um an ihr Ziel zu kommen. Und das will Simone Moro – auch wenn er sein Glück am Weg dorthin festmacht.


Ich habe in den vergangenen drei Jahren sehr viele Bergsteiger-Biografien aus über einem Jahrhundert gelesen. Es ist wirklich nicht leicht für die heute aktiven Alpinisten, aus dem Schatten der großen Pioniere zu treten. Zu oft konnte man bereits über Triumphe und Tragödien an den höchsten Bergen lesen.


Simone Moro ist es gelungen, mit seiner dichten Schilderung des modernen Alpinismus einen neuen Akzent zu setzen.

Allerdings ist „Nanga im Winter“ möglicherweise nicht der beste Einstieg in die Alpinliteratur – zu viele Namen, zu viel vorausgesetztes Interesse (um nicht zu sagen: Wissen). Für Hobby-Bergsteiger und Kenner der Alpingeschichte ist „Nanga im Winter“ ein echter Lese-Leckerbissen.

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