• Gernot Uhl

Nachruf auf den Hamburger Sportverein

Der Hamburger SV hat seit seiner Gründung in der Bundesliga gespielt. Jetzt ist der Traditionsklub erstmals abgestiegen


Gert Dörfel lässt die Hamburger Fans jubeln. In der 80. Minute bringt der Linksaußen des HSV das Leder im Tor von Preußen Münster unter. Das 1:1 ist dann auch der Endstand an diesem 24. August 1963. Es ist der erste Spieltag der Fußball-Bundesliga. Seither hat der Hamburger Sportverein immer in der Bundesliga gespielt – kein anderer Verein hat das geschafft. Heute ist der Traditionsklub erstmals abgestiegen. Ein Nachruf.


Ich trauere weniger um den HSV als um die Tradition. Als ich angefangen habe, mich für Fußball zu begeistern, gab es noch vier Dinos in der Bundesliga: Der 1. FC Köln war noch nie abgestiegen, der 1. FC Kaiserslautern und Eintracht Frankfurt waren ebenfalls von Anfang an dabei. Und der HSV.


Als fußballbegeisterter Teenie hat man Anfang der 1990er Jahre nicht nur Panini-Bildchen gesammelt und die Papptabelle aus dem Kicker-Sonderheft gesteckt, man hat sich auch die Geschichte der großen Vereine draufgeschafft.


Der HSV kann auf eine glorreiche Vergangenheit mit Titeln und Triumphen zurückschauen. Uwe Seeler und Horst Hrubesch haben der Raute ihren Glanz verliehen, Manfred Kaltz und Felix Magath sind Legenden des Vereins dazu – sogar ein bisschen Franz Beckenbauer hat es beim HSV gegeben. Das alles war einmal.


Aber Vergangenheit schießt nun einmal genauso wenig Tore wie Geld. Das hat der HSV nun schmerzlich erfahren. Viele Trainer und noch mehr Kühne-Millionen haben den Abstieg nicht verhindern können.

Im Gegenteil: Über viele Jahre hinweg haben die Verantwortlichen den ehrwürdigen Verein ausgebeutet und als Selbstbedienungsladen der Eitelkeiten vergewaltigt. Das Intrigen-Epos Game of Thrones ist nichts gegen die Grabenkämpfe in der HSV-Chefetage.

Vor lauter Vergangenheitspathos (Bundesliga-Uhr) und hochfliegenden Zukunftsplänen hat man beim HSV die Gegenwart vergessen.


André Hahn hat vor einigen Tagen getönt: "Wir sind der HSV, wir steigen nicht ab!" Und Trainer Hitz sagt noch nach dem Abstieg, er sei vom Klassenerhalt überzeugt gewesen. So sympathisch dieser Hitz ist, so sehr zeigen solche Aussagen, wie weit weg man beim HSV von der Realität ist.


Dem 1. FC Köln schwören wichtige Leistungsträger wie Timo Horn und Jonas Hector auch für die zweite Liga die Treue – solche Geschichten und Typen fehlen beim HSV.


Selbst heute ist keine Zeit, einfach mal inne zu halten und den ersten Abstieg seit 55 Jahren zu betrauen. Statt dessen zitiert die Homepage Vorstand Wettstein mit einem weiteren unheilvollen Sprung von der Vergangenheit in die Zukunft: "Wir haben unsere Lehren bereits vor einigen Wochen gezogen und mit klaren Entscheidungen die sportliche Neuausrichtung eingeleitet."


Das sind genau die Phrasen, die beim HSV seit Jahren gedroschen werden. Wohin es führen kann, immer wieder dieselben Fehler zu machen, zeigt das traurige Beispiel des 1. FC Kaiserslautern. Wach auf, HSV – oder geh' unter!

  • Black Twitter Icon
  • Black Facebook Icon
  • Black Instagram Icon
  • Schwarz LinkedIn Icon

© Dr. Gernot Uhl 2011-2020 | Impressum | Datenschutz