• Gernot Uhl

Leseprobe: Mit Pablo Picasso an der Leinwand

Wie mein E-Book über den spanischen Jahrhundertmaler und sein größtes Werk 'Guernica' beginnt


Zuerst ist es nur Geraune in den Straßen von Paris. Von einer Feuersbrunst erzählt man sich an diesem 28. April 1937, von einer Trümmerwüste und von hunderten Toten. Die Schreckensnachricht platzt mitten in den schönsten Frühling: Im Spanischen Bürgerkrieg soll das unschuldige Baskenstädtchen Guernica bei einem gnadenlosen Luftangriff dem Erdboden gleich gemacht worden sein. Pablo Picasso sitzt gerade mit frisch gebrühtem Kaffee und einer Zigarette an dem kleinen Tischchen in seinem Stammlokal, dem Café de Flore am Boulevard Saint Germain. Er liest Zeitung, freut sich darüber, dass die jungen Frauen nach dem langen Winter endlich wieder kürzer tragen, und genießt die ersten warmen Sonnenstrahlen. Plötzlich Unruhe, Motorengeheul, quietschende Bremsen, Türenschlagen. Wenige Meter entfernt hat ein Taxi gehalten und herausgesprungen ist ein junger Spanier, der jetzt wild gestikulierend auf Picasso zustürzt. »Stell dir vor«, ruft er und seine Stimme überschlägt sich fast, »diese verfluchten Faschisten haben Guernica bombardiert!« Die Stadt sehe aus »wie ein Porzellanladen, in dem ein Stier Amok gelaufen ist.« Picasso ist außer sich. Seine dunklen Augen funkeln zornig und sein Blick ist noch stechender als sonst. Er hasst diesen faschistischen General Francisco Franco für seinen brutalen Militärputsch. Seit Monaten tyrannisiert Franco die spanische Republik mit einem blutigen Bruderkrieg und greift gewaltsam nach der Macht. Als ob das nicht schlimm genug wäre! Wenn es aber stimmen würde, dass Franco nun eine wehrlose Stadt zerstört hat, dann wäre das eine unerhörte Gräueltat. Auch wenn Picasso seit vielen Jahren in Paris lebt und obwohl ihm die französische Hauptstadt zu einer zweiten Heimat geworden ist: Picasso ist und bleibt mit jeder Faser seines untersetzten und stämmigen Körpers ein stolzer Spanier mit der festen Überzeugung: »Ein Mensch gehört für immer seinem Land!«

Picasso leidet mit seinen Landsleuten und die furchtbaren Neuigkeiten schlagen bei ihm ein wie die Bomben im Stadtkern von Guernica.

Aber woher soll Franco, dieser aufsässige General, eigentlich eine Luftwaffe haben, die zu einem solchen Vernichtungsangriff fähig ist? Picasso muss das jetzt genau wissen. Er kehrt nach Hause zurück und schaltet das Radio ein. Stirnrunzelnd sitzt er vor dem gespenstisch rauschenden und knackenden Gerät. Der Empfang ist genauso schlecht wie die Nachrichten. Picassos Hand, die sonst so feinfühlig den Pinsel führt, dreht nun behutsam am Frequenzknopf. Immer wieder überlagern französische Stimmenfetzen die verzweifelte Ansprache des baskischen Präsidenten José Antonio Aguirre, der in Bilbao vor dem Mikrofon steht und seine ungeheuerliche Botschaft durch den Äther schickt: »Vor dem Gericht Gottes und der Geschichte, von der wir alle gerichtet werden, bezeuge ich: dreieinhalb Stunden haben deutsche Flugzeuge mit einer unvergleichlichen Grausamkeit die Zivilbevölkerung der historischen Stadt Guernica bombardiert, ihre Stadt in Asche gelegt, Frauen und Kinder mit Maschinengewehren verfolgt, sodass viele umkamen und die Überlebenden in Panik geflohen sind.«

Deutsche Flieger? Ist das wahr? Macht Franco denn wirklich vor gar nichts halt? Tatsächlich weicht das Gerücht nur wenig später der Gewissheit. Die Heilige Stadt der Basken ist von einer unheiligen Allianz zermalmt worden. Franco ist jedes Mittel recht, um den Bürgerkrieg für sich zu entscheiden und die spanische Republik zu stürzen – selbst der Pakt mit dem Teufel! Und Hitler hat bereitwillig eine geheime Luftwaffeneinheit geschickt, die Legion Condor. Den Nationalsozialisten ist das eine willkommene Übung für den Weltkrieg und Franco kann jede Waffenhilfe brauchen: Die deutschen Flugzeuge sollen seinen Bodentruppen den Weg ebnen und die tapferen Basken brechen, die dem Faschismus trotzen. Täglich erreichen Paris neue grausame Details. Pablo Picasso kann die Augenzeugenberichte des Angriffs in den letzten Apriltagen 1937 nach und nach schwarz auf weiß nachlesen: Die sozialistische Zeitung L’Humanité – die Menschlichkeit – berichtet von einer bis auf die Grundfesten ausgebombten, brennenden Ruine: »Es handelt sich um das schrecklichste Bombardement des Krieges. Die Zahl der im Feuer Umgekommenen ist unermesslich. Die deutschen Flugzeuge flogen in geringer Höhe. Sie bombardierten die Bevölkerung in der Stadt und in der Umgebung mehrere Stunden lang. Es war ausschließlich zivile Bevölkerung, nicht ein Soldat hielt sich dort auf! Aber es gab Hospitäler dort, und die Verwundeten wurden bei lebendigem Leibe verbrannt.« Auch die altehrwürdige und unabhängige Londoner Tageszeitung The Times erhebt Anklage gegen ein Kriegsverbrechen: »Guernica war kein militärisches Ziel«, kommentiert ihr Reporter George Steer, der noch während des Angriffs in halsbrecherischem Tempo aus Bilbao nach Guernica aufgebrochen ist und die Zerstörung mit eigenen Augen gesehen hat. »Eine Fabrik, die Rüstungsgüter herstellte, befand sich außerhalb der Stadt und blieb unangetastet.« Noch kennen weder der erfahrene Kriegsberichterstatter noch seine Leser die rücksichtslosen Flächenbombardements, die im Zweiten Weltkrieg halb Europa niederreißen werden. Guernica ist der erste Versuch, eine Stadt vollständig auszulöschen. Selbst der hartgesottene George Steer, der schon viel Elend gesehen hat, erschaudert beim Anblick der brennenden Stadt. »Noch aus 10 Meilen Entfernung war der Widerschein der Flammen in den Rauchwolken über den Bergen zu sehen«, notiert er zuerst für sich und dann für die Nachwelt, »die ganze Nacht hindurch stürzten Häuser ein, und die Straßen verwandelten sich in lange Haufen undurchdringlichen Schutts. Hinter der Bombardierung steckt offenkundig die Absicht, die Zivilbevölkerung zu demoralisierenden. Alle Tatsachen sprechen für diese Einschätzung.« Trotzdem verschließen die demokratischen Regierungen Frankreichs und Englands die Augen vor dem menschenverachtenden Angriff und hüllen sich in peinliches Schweigen. Weiß man denn im Élysée-Palast und in 10 Downing Street nicht, welche Stunde geschlagen hat? Während Hitler Franco sekundiert und mit Waffen und Soldaten versorgt, lautet die offizielle Parole in London und Paris: Nichteinmischung! Unerträglich ist das für Picasso: Wenn schon die Politik wegschaut, muss wenigstens die Kunst Farbe bekennen:

»Künstler, die mit geistigen Werten leben und arbeiten«, ereifert sich Picasso, »können und dürfen in einem Konflikt, in dem es um die höchsten Werte der Menschheit und Zivilisation geht, nicht gleichgültig bleiben.«

Natürlich führt man mit dem Pinsel keine Regierung, Staatsverträge werden nicht auf Leinwänden unterzeichnet und ein Diplomat ist an dem oftmals kauzigen und mürrischen Picasso auch nicht verloren gegangen. Die Welt kennt ihn nicht für politische Bekenntnisse, sondern für seine oft rätselhaften Bilder: Erst sind sie alle blau gewesen, dann rosa; schließlich hat er die schönsten Frauen in klobige Würfel, Dreiecke, Halbkreise und andere geometrische Formen zerlegt. Großformatige und vor allem eindeutige Antikriegsbilder sind bislang jedenfalls nicht dabei gewesen. Weiß Picasso überhaupt, wie man politische Botschaften auf die Leinwand bringt? Kann er überhaupt anmalen gegen den Faschismus? Solche Zweifel ringen ihm selbst nur ein müdes Lächeln ab. »Was ist wohl ein Künstler?«, fragt er. »Ein Schwachsinniger, der nur Augen hat, wenn er Maler ist, nur Ohren, wenn er Musiker ist? Ganz und gar nicht!« Picasso schüttelt den Kopf. Ein Künstler muss keine billige Propaganda machen, um zu zeigen, wie eng er verwoben ist mit den großen Begebenheiten seiner Zeit. »Der Künstler ist ein politisches Wesen«, grantelt Picasso trotzig, »ein politisches Wesen, das ständig im Bewusstsein der zerstörerischen, einschneidenden oder der beglückenden Weltereignisse lebt und sich nach ihnen formt!« Das zerstörerische Weltereignis von Guernica und das Schicksal seiner Landsleute – »Wie könnte man kein Interesse nehmen an den anderen Menschen«? – formen in Pablo Picasso den Entschluss zur Gegenwehr mit dem Pinsel: »Die Malerei ist nicht erfunden worden, um Wohnungen auszuschmücken! Sie ist eine Waffe zum Angriff und zur Verteidigung gegen den Feind.«


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