• Gernot Uhl

Leseprobe: Mit Maria Montessori im Kinderhaus

Wie mein E-Book über die Kinderärztin und Reformpädagogin beginnt


Eile ist geboten. Ein paar Straßenzüge weiter geht es mit zwei Säuglingen zu Ende. Also unverzüglich das Medizinbuch zugeklappt und geschwind die große Tasche gegriffen, die schon fertig gepackt auf dem Sims steht. Jetzt rasch in den Mantel geschlüpft und die vornehmen Röcke gerafft, die ganz dem Schick des ausgehenden 19. Jahrhunderts entsprechen. Dann mit kleinen, aber schnellen und sicheren Schritten die knarzenden Stufen des Treppenhauses hinunter, hinaus auf die Straße und hinein ins hektische Gewusel von Rom. Männer drehen sich nach der hübschen jungen Frau mit den sorgsam und ansehnlich nach oben gesteckten dunkeln Locken um, die sich mit dem schweren Koffer durch die Spaziergänger drängelt, als sei der Leibhaftige hinter ihr her. Ganz falsch ist das nicht, denn Maria Montessori läuft ja gewissermaßen mit dem Sensenmann um die Wette. Wer wird die beiden Zwillinge zuerst erreichen?

Etwas außer Atem, aber innerlich ruhig und gefasst, klopft Maria Montessori an die Tür. Der Vater, der ihr öffnet, kann kaum glauben, dass die fesche Dame der Arzt sein soll, nach dem seine Frau geschickt hat. Maria Montessori kennt das schon.Vor ihr hat noch nie eine Frau in Italien Medizin studiert. Sie dagegen hat das Studium gegen alle Widerstände und trotz aller Widrigkeiten durchgezogen und ist seit ein, zwei Jahren die erste Ärztin mit Doktorhut. Sie ist Fachfrau für Kleinkinderkrankheiten und hat schon während ihres Studiums an zwei Kliniken und in einer Kinderambulanz ausgeholfen. Ihren ersten richtigen Job hat Dr. Maria Montessori als Assistenzärztin in der Chirurgie verrichtet und nebenbei 1897 eine kleine Privatpraxis aufgebaut, weil sie nicht genug davon kriegen kann, für und mit Menschen zu arbeiten – am liebsten mit kleinen Menschen. Keine Frage: Die in ein trendiges Korsett geschnürte Ärztin weiß, was sie tut. Sanft, aber entschieden schiebt sie den konsternierten Vater beiseite, der sie aus traurigen Augen müde anblickt und abwinkt. Zu spät? Leblos liegen die beiden dick eingepackten Babys bei ihrer Mutter, die fertig mit sich und der Welt, aber ansonsten einigermaßen gut versorgt ist. Wie oft hat Montessori erlebt, dass sich nach einer Geburt alles um die Mutter dreht. »Die Mutter, heißt es, hat gelitten. Hat das Kind etwa nicht gelitten?«, ärgert sich sie im Stillen. »Ist denn das Kind nicht erschöpft?« Montessori nickt der geschwächten Frau knapp zu, dann legt sie den Mantel ab und schaut sich in der Wohnung um. Wo ist der Ofen? Es ist ja viel zu kalt für Neugeborene. Montessoris Gedanken ordnen schon mal die nächsten Schritte: »Die Wärme, deren das Neugeborene bedarf, soll ihm von seiner Umgebung zugeführt werden, nicht aber von seiner Kleidung. Der Raum, in dem es sich aufhält, muss warm sein, und in diesem Falle stellen Kleider nur ein Hindernis für die warme Luft dar, an den Körper des Kindes heranzugelangen.«

Ohne zu zögern legt die junge Ärztin zwei, drei Scheiter Holz auf und zündet ein Feuer an, das kurz darauf nicht nur gemütlich prasselt, sondern auch lebensrettende Wärme spendet. Daraufhin steckt sie die total erschöpfte Mutter ins Bett und kümmert sich um die beiden Winzlinge, die vor dem Öfchen zumindest beide wieder zucken und leise wimmern. Sobald es die Temperatur zulässt, zieht Montessori sie nacheinander aus und badet sie in körperwarmem Wasser, das für die beiden Babys so etwas wie eine vertraute Umgebung ist. Jedes von ihnen war schließlich noch vor ganz kurzer Zeit im Mutterleib, denkt sich Montessori, »wo es vor jeder Erschütterung, vor jeder Temperaturschwankung geschützt war, umgeben von einer weichen, gleichmäßigen Flüssigkeit, die eigens dafür geschaffen war, ihm völlige Ruhe zu gewähren.« Nach dem Bad trocknet Maria Montessori ihre winzigen Patienten vorsichtig ab, reibt sie behutsam mit einem wohltuenden Öl ein und redet leise mit ihnen. Sie nimmt sie ernst: nicht als kleine Erwachsene, aber als kleine Persönlichkeiten. Sie versucht herauszufinden, was die Bedürfnisse der beiden Säuglinge sind. Der Vater, der seine Kinder schon aufgegeben hatte, sieht staunend zu, wie Maria Montessori die beiden vorsichtig hochnimmt. Dem einen Kind scheint die Armbeuge als Wiege gut zu gefallen, das andere liegt lieber bäuchlings. Beide mögen es, an Montessoris Brust gedrückt zu werden, unter der ruhig und gleichmäßig ein starkes Herz schlägt. »Auch das neugeborene Menschenkind ist nicht bloß ein Körper, bereit, seine animalischen Funktionen aufzunehmen«, erklärt die Kinderärztin, »sondern ein geistiger Embryo mit latenten seelischen Kräften.« Während sie sich um beide Kinder kümmert, räumt Maria Montessori nebenbei ein bisschen in der Küche herum und zaubert den Zwillingen, die nun schon die Augen öffnen und hin und wieder quäken, eine köstliche Milchmahlzeit. Erst nachdem beide Babys sich wieder berappelt haben und in ein friedliches Verdauungsschläfchen gesunken sind, verabschiedet sich Maria Montessori von den Eltern. Glücklich, dass sie zwei Leben gerettet hat, wendet sie sich voller Tatendrang ihren planmäßigen Aufgaben zu. Da gibt es viel zu tun: Seit Maria 1896 für eine Arbeit über Wahnvorstellungen den Doktorhut aufgesetzt bekommen hat, interessiert sie sich vor allem für geistig behinderte und krankhaft nervöse Kinder. Deshalb steigt sie nur wenige Monate später auch an der Psychiatrischen Klinik der Universität als freiwillige Assistentin ein. Dort hatte sie schon für ihre Doktorarbeit Patienten beobachtet und deren Krankheitsverläufe erforscht. Jetzt ist sie dabei, sämtliche Irrenhäuser und sogenannte Verwahrungsanstalten für geistig Zurückgebliebene zu besuchen, um für die Psychiatrische Klinik besonders therapiewürdige FIn diesem Moment beschließt die erste Ärztin Italiens, den zurückgebliebenen Kindern weniger mit medizinischen als mit pädagogischen Mitteln »zur Unabhängigkeit von der Hilfe anderer und zur Menschenwürde zu verhelfen.«älle ausfindig zu machen. Denn das Rätsel der an der Jahrhundertwende sogenannten Idioten beschäftigt die Mediziner seit geraumer Zeit:


Anstatt sie von vorne herein aufzugeben oder in gefängnisartige Verwahrungseinrichten abzuschieben muss es doch möglich sein, sie zu therapieren und sie vielleicht sogar zu erziehen. Dafür beschäftigt man sich ab und an sogar mit praktischen Erziehungsfragen. Das liegt Maria Montessori.

Und wieder sind es die Kleinsten, die ihre Aufmerksamkeit erregen: Fast hätte sie die Gruppe von geistig behinderten Kindern gar nicht entdeckt, denn in dem Irrenhaus, das sie gerade besichtigt, sind sie in einer schmucklosen Kammer untergebracht, wo sie möglichst wenig auffallen und Ärger machen können. Selbst die Aufsichtsperson, ein resolutes und stämmiges Mannsweib, ist eher eine Gefängniswärterin als eine Erzieherin oder Pflegerin. Maria Montessori sieht die Abscheu in ihren Augen und fragt sie, warum sie so angewidert von den schwachsinnigen Kindern sei. »Weil sie sich, kaum dass sie aufgegessen haben, auf den Boden stürzen und die Krümel aufklauben«, lautet die knappe Antwort, die Montessori zum Nachdenken bringt. Ihre Gastgeberin drängt ungeduldig zum Weitergehen – bei den Kindern gäbe es ja eh nichts zu sehen –, aber Maria lässt nochmal den Blick durch den Raum schweifen. Es gibt tatsächlich nichts zu sehen: Keine Bauklötze, keine Puppen, keine Steckenpferde, keine Schaukel: nichts! Dann schließt sie die Tür und die Führung durch das Irrenhaus geht weiter. Maria Montessori folgt ihr langsam. In Gedanken bleibt sie aber bei den bedauernswerten Menschlein, die ihr Leben vor sich haben – aber keine Chance, es zu genießen. Vielleicht haben sich die Kleinen ja gar nicht auf die auf übrigen Brotkrümel gestürzt, um sie zu essen. Vielleicht haben sie nur verzweifelt nach irgendetwas gesucht, mit dem sie spielen und das sie anfassen konnten. Vielleicht sehnen sie sich ja wie gesunde Kinder danach, die Welt zu entdecken und zu begreifen. Wenn das wahr wäre, dann müsste man ihnen doch ganz anders helfen! »Die Tatsache, dass die Pädagogik sich in der Therapie mit der Medizin zusammentun musste, war die praktische Errungenschaft des Denkens der damaligen Zeit«, erklärt Maria Montessori in ihrem wohl wichtigsten Buch Die Entdeckung des Kindes. »Im Gegensatz zu meinen Kollegen hatte ich jedoch die Eingebung, dass das Problem der geistig Zurückgebliebenen eher überwiegend ein pädagogisches als überwiegend ein medizinisches war.«


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