• Gernot Uhl

Leseprobe: Mit Axel Springer in Berlin

Wie mein E-Book über den streitbaren Verleger, BILD-Erfinder und Freiheitskämpfer beginnt


Die Nacht ist kalt, aber klar. Die Sterne strahlen hell und der Mond taucht den Pariser Platz in ein sanftes Licht. Axel Springer zieht den Kragen höher. Den ganzen Tag hat er in Besprechungen und Unterredungen gesessen. Das größte Verlagshaus Europas, der Axel-Springer-Verlag, will schließlich geführt werden, auch an diesem Silvestertag 1957. In wenigen Stunden wird der Verleger mit Champagner auf ein weiteres Rekordjahr anstoßen. Springer verkörpert das westdeutsche Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg wie kaum ein anderer: So wie die Deutschen ihr zerstörtes Land erstaunlich schnell wieder aufbauen, so gelingt es Springer in wenigen Jahren, aus dem kleinen Verlag seines Vaters ein Presseimperium zu formen:

Mit der Rundfunk-Programmzeitschrift Hör zu!, dem lokalen Hamburger Abendblatt, dem Massenblatt Bild und der intellektuellen Tageszeitung Die Welt trifft er spürsicher den Geschmack vieler Leser.Die Zahl und die Auflagen seiner Zeitungen und Zeitschriften wachsen und wachsen. Mit ihnen mehren sich Ruhm und Reichtum des Verlegers. Axel Springer könnte glücklich sein, aber er ist es nicht. Zum Jahreswechsel will er sich dem Erfolgsrausch wenigstens für einen Moment entziehen und hier, direkt am Brandenburger Tor, zu innerer Einkehr finden.

Natürlich hört der gerissene Geschäfts- und Lebemann gerne die Kassen klingeln. Aber je mehr Mitarbeiter, Zeitungen und Luxus er sich leisten kann, desto schmerzlicher wird ihm bewusst, dass sich seine die tiefsten Sehnsüchte nicht kaufen lassen. »Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und doch Schaden an seiner Seele nehme«, hatte ihm seine Mutter Ottilie als Konfirmationsspruch ausgesucht. Springers Seelenheil hängt nicht nur am wirtschaftlichen Erfolg seines Konzerns, sondern auch an Berlin und an Deutschland. Das Drama der deutschen Teilung setzt ihm zu. Wie sehr wünscht er sich, die Botschaft der Freiheit auch den Deutschen in der Ostzone verkünden zu können.


Aber für BILD und DIE WELT ist in der DDR kein Platz. Jedenfalls nicht, solange die sozialistische Diktatur dem freien Wort Einhalt gebietet.

Axel Springer seufzt. Just in diesem Moment reißt ihn ein leises, schleifendes Quietschen aus seinen Gedanken. Langsam und schleppend kurbelt ein Kriegskrüppel seinen ächzenden Rollstuhl über den menschenleeren Platz. Der aussichtslose Kampf für Hitlers Endsieg hat ihn beide Beine gekostet. Alleine und einsam rollt er jetzt auf das noch nicht wieder aufgebaute Brandenburger Tor zu, jenes Mahnmal der deutschen Geschichte und der deutschen Teilung. Springer rührt dieses Schicksal, dessen stummer Zeuge er wird, zu Tränen. Die Lust nach einer rauschenden Gala ist ihm gründlich vergangen. »Nein, es gibt nichts zu feiern in Deutschland«, denkt sich Springer – und fährt schnurstracks nach Hause. Zwei Tage später spricht er in Bonn beim Botschafter der Sowjetunion vor. Er bittet den verdutzten Andrei Smirnoff um ein Gespräch mit Nikita Chruschtschow – dem Kreml-Chef und mächtigsten Mann des Ostblocks: »Ich möchte mit Herrn Chruschtschow über die Wiedereinigung sprechen.«


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