• Gernot Uhl

Leseprobe: Mit Albert Schweitzer im Urwald

Wie mein E-Book über den Tropenarzt, Theologen und Musiker Albert Schweitzer beginnt


»Sie sollten doch wohl eher in der Psychiatrie vorsprechen!« Misstrauisch mustert Professor Hermann Fehling den jungen Mann mit dem zerzausten schwarzen Haarschopf und dem buschigen Oberlippenbart, der sich bei ihm gerade als Medizinstudent einschreiben will. Eigentlich wäre er dafür sogar an der richtigen Adresse. Professor Fehling, ein renommierter Frauenarzt und Geburtshelfer, ist Dekan der medizinischen Fakultät an der Universität Straßburg. Allerdings spricht da kein Abiturient bei ihm vor, sondern ein angehender Kollege.Albert Schweitzer ist Doktor der Philosophie und Doktor der Theologie. Als Direktor des Studienstifts St. Thomas bildet der umtriebige Schweitzer angehende Pfarrer aus. Fast jeden Sonntag predigt er selbst in der Straßburger St. Nicolai-Gemeinde, in erster Linie aus Freude am Gottesdienst, aber auch, weil er als Praxisanleiter nicht aus der Übung kommen will. Gewissermaßen nebenbei gibt Albert Schweitzer in halb Europa gefeierte Orgelkonzerte. Das Markenzeichen des Musikers Schweitzer ist seine einzigartige Interpretation der Werke von Johann Sebastian Bach. An der Universität lehrt er als Privatdozent der Theologie. In der Forschung hat er mit selbstbewussten Veröffentlichungen über den historischen Jesus und den Komponisten Bach bereits für einiges Aufsehen gesorgt, weil er sich mit seinen Büchern quer zum Mainstream stellt. Das sind nicht die schlechtesten Voraussetzungen für eine akademische Laufbahn. Aber Albert Schweitzer will gar nicht Professor werden. »Ich habe nicht mehr den Ehrgeiz, ein großer Gelehrter zu werden, sondern mehr – einfach ein Mensch«, schreibt Schweitzer an seine vertraute Freundin Helene. »Die Leute um mich herum verstehen mich nicht mehr, erst recht nicht, warum ich mich nicht um meine ›Karriere‹ als Professor kümmere! Als ob das mein Ziel wäre, die Karriere eines Professors! – Nein, ich will ›leben‹, mein Leben leben.« Der dröge Universitätsbetrieb, der Wettstreit um die besten und um die am besten vermarkteten Ideen und Erkenntnisse, das langsame Einstauben in muffigen akademischen Studierzimmern, das ist nicht die Welt von Albert Schweitzer. »Die Wissenschaft verblasst«, erklärt er Helene, »ich fühle nur noch eines: dass ich handeln will. Alles andere kommt mir vor wie eine Komödie.« Wie eine Komödie muss es dem armen Professor Fehling auch vorkommen, als ihm Schweitzer erklärt, warum er auf einmal Arzt werden will – denn medizinisch ist der Tausendsassa ein völlig unbeschriebenes Blatt. Professor Fehling hört staunend zu, was Schweitzer ruhig, aber entschlossen berichtet. Da habe eines Tages dieses grüne Heft auf seinem Schreibtisch im Studienstift gelegen: das Nachrichtenblättchen der Pariser Missionsgesellschaft. Zwar sei die Ausgabe schon ein paar Monate alt gewesen, aber er blättere nun einmal leidenschaftlich gerne in den Berichten über die gelebte Nächstenliebe herum. An diesem Herbsttag des Jahres 1904 habe ihn ein Artikel besonders berührt: »Was der Kongomission nottut«, sei da zu lesen gewesen und der Autor sei niemand Geringerer gewesen als Alfred Boegner selbst, der Direktor der Pariser Mission. Dann referiert Schweitzer, dass es offenbar an tatkräftigen Christenmenschen fehlt, die die frohe Botschaft Jesu’ nach Zentralafrika tragen. Vor allem aber brauche man dort Ärzte, um die leidenden und kranken Eingeborenen medizinisch versorgen zu können, die bei der Mission Hilfe suchten. Den Schlussapell des Artikels wiederholt Schweitzer aus dem Gedächtnis Wort für Wort: »Menschen, die auf den Wink des Meisters einfach mit: ›Herr ich mache mich auf den Weg‹ antworten, dieser bedarf der Kirche.«

Professor Fehling beginnt zu ahnen, worauf Schweitzer hinauswill. Was er nicht weiß: Schweitzer ist selbst auf der Suche. Er sucht seit langem nach einem Weg, auf dem er seinem Lebenshelden Jesus nachfolgen kann. Von Kindesbeinen an beschäftigt ihn, dass er ein angenehmes und glückliches Leben führen darf, während so viele Menschen leiden müssen. »Immer klarer wurde mir, dass ich nicht das innerliche Recht habe, meine glückliche Jugend, meine Gesundheit und meine Arbeitskraft als etwas Selbstverständliches hinzunehmen«, denkt sich Schweitzer und zieht daraus eine schicksalsträchtige Konsequenz: »Aus dem tiefsten Glücksgefühl erwuchs mir nach und nach das Verständnis für das Wort Jesu, dass wir unser Leben nicht für uns behalten dürfen. Wer viel Schönes im Leben erhalten hat, muss entsprechend viel dafür hingeben.«

Aus diesem Grund hatte sich Albert Schweitzer schon als junger Student einen Matchplan für das Spiel seines Lebens zurechtgelegt und beschlossen, sich bis zum Alter von dreißig Jahren in der Kunst des Orgelspiels und in der Welt der Wissenschaft auszutoben, um danach sein Leben ganz praktisch in den Dienst Christi zu stellen. Ursprünglich hatte er sich diesen Dienst so vorgestellt, dass er als Theologieprofessor Waisenkinder bei sich aufzunehmen würde. Schweitzer hatte sogar schon beim Leiter des städtischen Sozialamts vorgesprochen, einem gewissen Dr. Rudolf Schwander, und sich angeboten. Aber ihn hatte man mit dieser Idee gar nicht ernst genommen: ein alleinstehender Mann soll Kinder erziehen? Das ist an der Jahrhundertwende noch undenkbar. Untröstlich und enttäuscht hatte Schweitzer an Helene schreiben: »Alles ist gescheitert! Ich habe umsonst gesucht. Entweder gibt es die Kinder nicht, oder will man sie mir nicht geben und hält meinen Plan für Phantasterei.« Doch schon beim Schreiben war der dickköpfige Trotz gegen die biederen Gewohnheiten und die gesellschaftlichen Rollenbilder in ihm erwacht:

»Ich will mich aus diesem bürgerlichen Leben befreien, das alles in mir töten würde, ich will leben, als Jünger Jesu etwas tun. Aber die Leute lassen ja nicht zu, dass man aus dem Gewöhnlichen heraustritt, dass man sich aus seinen natürlichen Bindungen löst. Ja, aber ich würde darin zugrunde gehen. Ich muss mich daraus lösen.«

Deshalb hatte Schweitzer die vorerst gescheiterte Suche rasch wieder aufgenommen – und tatsächlich: Jetzt, da er 29 Jahre alt ist, findet sie doch noch ein glückliches Ende: Jesus ruft ihn als Missionsarzt nach Afrika, um dort aus eigener Kraft ein Urwaldhospital aufzubauen und zu unterhalten. Wie lange vermisste Puzzleteile fügen sich frühe Kindserinnerungen in diesen Plan: Denn schon als kleiner Junge hatte Schweitzer gebannt den Lebensberichten der Missionare gelauscht, die an jedem ersten Sonntag im Monat in der Kirche vorgelesen worden waren. Auch von dem traurig dreinblickenden Schwarzafrikaner auf dem Colmarer Marsfeld – einer monumentalen Statue aus der Hand von Frédéric-Auguste Bartholdi – war der junge Albert auf geheimnisvolle Weise angezogen worden.Jetzt scheint ihm Bartholdi, der auch die Freiheitsstatue geschaffen hatte, mit dieser Plastik einen ganz persönlichen Weg in die Freiheit aus den bürgerlichen Bahnen zu weisen. »Lieber Herr und Amtsbruder«, schreibt er an den Pariser Missionsdirektor Boegner, der den flammenden Aufruf geschrieben hatte. »Ich wende mich heute an Sie mit der Frage, ob Sie jemand für den Kongo benötigen. Ich wäre glücklich, mich zu Ihrer Verfügung zu stellen.« Schweitzer lässt nichts anbrennen und schickt einen gleichzeitig unterwürfigen, selbstbewussten und frommen Brief nach Paris, um sich für den Dienst in Afrika zu bewerben. »Sollte ich zufällig das Klima nicht ertragen oder als Folge der Strapazen invalide werden, so würde ich der Missionsgesellschaft nicht zur Last fallen, denn ich kann immer in den Pfarrberuf im Elsass zurück kehren«, kann Direktor Boegner da lesen und nur wenige Zeilen später muss er sich fast wundern, dass er immer noch denselben Brief in der Hand hält, denn jetzt zeigt Albert Schweitzer ein weiteres Talent: das der Eigenwerbung. »Vielleicht haben Sie in letzter Zeit meinen Namen in einer Zeitung oder einer Zeitschrift gelesen, denn man hat viel von meinem Buch über Bach gesprochen, das im Februar dieses Jahres erschienen ist.« Auch Familie und Freunde kommen ins Reden, als sie Albert über seine Afrika-Pläne informiert. Frustriert schlagen sie die Hände über dem Kopf zusammen, als sie erfahren, wofür Albert seine ihm lange zugedachten und aussichtsreichen Karrieren an der Universität und an der Orgel aufgeben will. Schweitzer ahnt, dass neben dem stirnrunzelnden Professor Fehling, der ihm irgendwie misstrauisch gegenüber sitzt, auch der einfache Pfarrer Boegner an der Spitze der Pariser Mission Zweifel an seinen Plänen haben wird. »Erschrecken Sie nicht darüber, dass ich mich in der theologischen und philosophischen Wissenschaft bewege und sogar Musikschriftsteller bin«, beruhigt er in seinem Brief. »Ja, ich habe alles gekannt: die Wissenschaft, die Kunst, die Freuden der Wissenschaft, die Freuden der Kunst, ich kenne das erhebende Gefühl des Erfolges, und mit wahrem Stolz habe ich meine Antrittsvorlesung mit 27 Jahren gehalten.« Nein, an Selbstvertrauen mangelt es diesem jungen Mann nicht. »Aber das alles hat meinen Durst nicht gestillt«, fährt Schweitzer fort, »ich fühle, dass das nicht alles ist, dass es nichts ist. "Ich bin immer einfacher, immer mehr Kind geworden, und ich habe immer deutlicher erkannt, dass die einzige Wahrheit und das einzige Glück darin besteht, unserem Herrn Jesus Christus dort zu dienen, wo er uns braucht." So kommt also der wissenschaftlich hoch dekorierte Straßburger Frauenarzt Professor Fehling zu seinem wichtigsten Einsatz als Geburtshelfer: Er braucht dafür weder Zange noch weder Glocke. Ein schlichter Füllfederhalter reicht aus. »Fehling«, kritzelt der Dekan unter das Immatrikulationsgesuch, das so etwas ist wie die Geburtsurkunde des Urwalddoktors Albert Schweitzer.


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