• Gernot Uhl

Hochzeitsglück für alle

Die Hochzeit von Meghan Markle und Prinz Harry ist das trügerische Spiegelbild einer gesellschaftlichen Sehnsucht nach Glückseligkeit



Möglichst echt lächeln, möglichst dankbar Hände schütteln, Glückwünsche entgegennehmen. Glück können Harry von Wales und Meghan Markle brauchen. Viel Glück! Ein Mob von Möchtegern-Märchenprinzen und -Prinzessinnen giert nach dem Glück, mit dem die beiden vermeintlich so überreich beschert sind. Was für eine Ironie: Da wird eine Hochzeit zum Event des Jahres stilisiert – aber Braut und Bräutigam sind nur Statisten.


Als Prinzessin Diana zu Grabe getragen wurde, saß ich vor dem Fernseher und habe mit den beiden Jungs gefühlt. Prinz Harry ist so alt wie mein Bruder, Prinz William zwei Jahre jünger als ich. Prinz hin oder her – seine Mutter zu verlieren, ist kein Schicksal der Herkunft. Prinzessin Diana starb, während sie von Paparazzi verfolgt wurde. Damals war Prinz Harry zwölf Jahre alt.Was mag er heute empfinden, wenn die Fotografen ihre Blitzlichtgewitter über ihm entladen. Er war und ist leichte Beute für die sensationslüsterne Öffentlichkeit: Erst der bedauernswerte Waise, dann der exzessive Party-Prinz, der sich betrunken und im Hakenkreuz-Kostüm ablichten ließ, jetzt der Traumprinz, der die schöne Meghan Markle zur Frau nimmt. Ein Happy End für Harry? Ich wünsche es ihm, aber ich glaube es nicht. Das Glück, dass ihm und seiner Zukünftigen hold sein soll, ist eine kollektive Illusion.

Die Hochzeit von Meghan Markle und Prinz Harry ist das trügerische Spiegelbild einer gesellschaftlichen Sehnsucht nach Glückseligkeit.

Der Boulevard spürt noch die entferntesten Verwandten und Weggefährten der bürgerlichen Braut auf, um etwas Schärfe in die ansonsten süße Liebesgeschichte zu streuen – vergeblich. Das vermeintliche Glück der beiden Liebenden reicht offenbar als Projektionsfläche für die vielen Menschen, die sich ein sorgenloses Glanz-und-Glamour-Leben wünschen. Eigentlich heiraten hier alle diejenigen, die zeitlebens von einer eigenen Traumhochzeit träumen. Sie sehen die jubelnde Menge, den mächtigen Mann, die grazile Frau, die Tradition, das Märchen. Sie übersehen das gläserne Leben, das wohl kaum Raum lässt für privates Glück. Braut und Bräutigam sind nur Statisten – Platzhalter – für verborgene Träume. Prinz Harry und Meghan Markle sei gewünscht, dass sie jenseits der voyeuristischen Öffentlichkeit ihr eigenes, unteilbares Glück finden.

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