• Gernot Uhl

Gletscher-Glück auf dem Suldenferner

Warum der Gletscherweg oberhalb von Sulden in Südtirol zum Freudentanz mit der Natur einlädt.

Der Gletscher grüßt mit tiefem Grollen. Unter dem schützenden Schutt knackt und knirscht das Eis. Immer wieder poltern Steine in die Rinnen und Spalten, in denen das Schmelzwasser plätschert. Der Suldenferner, der zweitgrößte Gletscher Südtirols, ist ein spektakuläres Erlebnis. Ein Tourenbericht.


Der Morgen ist diesig und kalt. Fast ungewohnt nach mehreren Tagen Sonnenschein. Wir starten mit Fleece und Jacke in den Tag. Mit dem Sessellift Langenstein schweben wir durch die Nebelschwaden hinauf zum Ausgangspunkt unserer Bergtour.

Schon der Zustieg zum Gletscherweg lässt das Bergsteigerherz höher schlagen. Der steile Pfad zur Hintergrathütte (2.661 m) geizt nicht mit beeindruckenden Tiefblicken.

Kurz nach der Hütte beginnt der eigentliche Gletscherweg. Die ersten Meter auf der Moräne fühlen sich kaum anders an als eine Geröllfeld-Überquerung. Aber nicht nur wir sind in Bewegung, sondern auch der eisige Untergrund. Langsam schiebt sich der Gletscher bergab. Dabei öffnen und schließen sich Risse und Spalten im Eis. Der Weg muss sich diesen Veränderungen anpassen. Die sichere Passage wird mit roten und orangenen Markierungsstangen immer wieder neu gesteckt.

Je länger wir unterwegs sind, desto beeindruckender zeigt sich die Beschaffenheit des Gletschers.

Türkisfarbenes Eis blitzt unter der Schuttdecke hervor, kristallklares Schmelzwasser bahnt sich seinen Weg ins Tal und unterhöhlt die meterdicke Eisschicht. Spätestens als die Wolkendecke aufreißt und die intensive Wärme der Höhensonne durchkommt, wird unsere Bergtour zum Freudentanz mit der großartigen Natur: Wir balancieren über Steinbrocken und springen über kleinere Spalten.

Den Soundtrack dazu liefert der ebenfalls der Gletscher: Aus den oberen Teilströmen des Suldenferners ist dann und wann donnerähnliches Grummeln zu vernehmen. Und im scharfen Kontrast dazu steht das fast liebliche Gluckern der unzähligen Rinnsäle.

Der Suldenferner um 1819

Die wenigen anderen Menschen, denen wir begegnen, sind nicht minder beeindruckt. Zwei ältere Südtiroler erzählen uns von der Geschichte des Gletschers, der seit dem 19. Jahrhundert trotz vereinzelter "Vorstöße" ins Tal fast ein Drittel seiner Fläche verloren hat. Kurz flammt der Ärger über die menschengemachte Beschleunigung der Erd-Erwärmung auf. Aber das Gletscher-Glück des Augenblicks und die Dankbarkeit für das eigene Erlebnis sind an diesem Tag stärker. Dank einer sehr gelungenen Tourenführung bleibt die Runde übrigens bis zum Schluss spektakulär. Denn der Rückweg (über die Schaubachhütte) bietet noch einmal das ganze Panorama des mächtigen Gletschers (siehe Titelbild).

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