• Gernot Uhl

Buchtipp: Wolfgang Nairz, "Es wird schon gutgehen"

Ein Extrembergsteiger ohne Allüren: Wolfgang Nairz erlebt und erzählt seine Abenteuer auf eine angenehm besonnene Art


Wolfgang Nairz weiß, worauf er sich einlässt. Der Expeditionsleiter hat den Mount Everest im Blick, den berühmtesten Berg der Welt. Zum ersten Mal sollen Österreich die höchste Erhebung der Erde besteigen. Das allein beschert ihm viel Aufmerksamkeit. Und dann sind da noch Reinhold Messner und Peter Habeler: Erstmals wollen zwei Bergsteiger den Everest ohne künstlichen Sauerstoff versuchen – wenn sie das Abenteuer überleben! Die Nairz-Expedition zum Mount Everest wird Geschichte machen – so oder so.


Wolfgang Nairz ist einer, den man außerhalb der Bergsteigerbranche nicht so kennt wie Reinhold Messner, Hermann Buhl oder Luis Trenker. Nairz hat sich nie in den Vordergrund gespielt. Ihm es es auch nicht um die Bewunderung der Massen gegangen. Und doch ist er einer derjenigen Alpinisten, die ich am meisten bewundere.

Wolfgang Nairz, Jahrgang 1944, lebt ein Leben für die Berge. Er hat sich wissenschaftlich mit Gletschern und deren Vermessung beschäftigt, ist Berg- und Skiführer und hat als Expeditionsleiter im Himalaya Erfolge gefeiert.

Umso gespannter war ich auf seine Erinnerungen: ein im Tyrolia-Verlag erschienener Gesprächsband, der mit vielen Bildern anschaulich illustriert ist. Gelesen habe ich das Buch in den Bergen – und es hat mich auch an Abenden nach langen Wanderungen mit seinen eindrücklichen Schilderungen und eindrücklichen Reflexionen noch länger wach gehalten. Drei Beispiele:

Die erste Himalaya-Expedition führt Wolfgang Nairz zum Manaslu, dem achthöchsten Berg der Welt. Obwohl bis kurz vor dem Gipfel alles nach Plan läuft, endet das Vorhaben in einer Katastrophe. Zwei seiner Bergkameraden verlieren in einem schlimmen Schneesturm erst die Orientierung, dann ihr Leben. Die Öffentlichkeit ereifert sich über den prominentesten Expeditionsteilnehmer: Reinhold Messner sei schuld an der Tragödie. Wolfgang Nairz, der als Expeditionsleiter die traurige Pflicht hat, die Hinterbliebenden zu informieren, stellt sich vor Messner und beruhigt die schwierige Situation mit seinem Sanftmut: Niemand ist für den Tod der Bergkameraden verantwortlich gewesen. Das in der Todeszone (über 8000 Metern Meereshöhe) nicht jedes Risiko kalkuliert werden kann, war allen Teilnehmern der Expedition klar.

An der Ama Dablam, einem der schönsten Berge, setzt eine Nairz-Expedition ihre Ausrüstung ein, um zwei verunglückte Seilschaften zu retten. An einen eigenen Gipfelerfolg ist nicht mehr zu denken. Das ist bitter, denn die begehrten Besteigungsgenehmigungen für diesen Berg sind nur sehr schwer zu bekommen. Trotzdem ist es für Wolfgang Nairz selbstverständlich zu helfen (übrigens ist wiederum der vielgescholtene Reinhold Messner mit von der Partie, dessen Einsatz Nairz besonders hervorhebt.

Und dann ist da natürlich die berühmte Everest-Expedition vor 40 Jahren mit ihren zwei großen Ziele: Erstmals sollten Österreicher auf dem Dach der Welt stehen. Und erstmals sollte der Gipfel ohne künstlichen Sauerstoff erreicht werden – von Reinhold Messner und Peter Habeler. Wieder fallen selbsternannte Experten über Messners vermeintlich unverantwortliche Pläne her. Und wieder lässt sich Nairz davon nicht beeindrucken. Am Ende stehen nicht nur die beiden Südtiroler Ausnahme-Alpinisten auf dem Everest (ohne Atemmaske), sondern auch Wolfgang Nairz.

Sein Führungsstil ist einfühlsam, aber bestimmter leiht der Gemeinschaft sein Ohr, kann aber auch einsame Entscheidungen treffen.

Die Everest-Mission ist es auch, die den Nairz-Memoiren besonderen Glanz verleihen: Ein Kapitel mit den persönlichen Briefen an seine Frau Etti zeigt den zärtlichen Menschen hinter dem unerschrockenen Everest-Aspiranten , der Wind un Wetter die Stirn bietet. Solche Schreiben aus psychischen wie physischen Extremsituationen gewähren seltene Einblicke in die Seele von Grenzgängern wie Wolfgang Nairz – und solche Zeugnisse sind unbedingt lesenswert.

Wolfgang Nairz bauscht seine ohnehin wagemutigen Abenteuer nicht noch zusätzlich auf. Seine besonnene und überlegte Art schwingt zwischen den Zeilen mit – das macht dieses Buch wertvoll.
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