• Gernot Uhl

Interview: Mareile Seeber-Tegethoff, Flüchtlingswege 1945-2015

Die Autorin Mareeile Seeber-Tegethoff über den biografischen Sammelband zu Fluchtgeschichten aus drei Generationen


Seit 2015 beschäftigt uns die sogenannte Flüchtlingskrise. Wir haben über Obergrenzen geredet, über Grenzschließungen, über Ankerzentren. Meistens ging es um das vermeintlich große Ganze. Zu selten sind stattdessen Einzelschicksale zur Sprache gekommen. Die Biografin Mareille Seeber-Tegethoff hat deshalb ganz verschiedenen Menschen dabei geholfen, persönliche Fluchtgeschichten zu erzählen. Im Interview lässt sie uns an der Entstehungsgeschichte des Sammelbandes "Flüchtlingswege 1945-2015" teilhaben.

Was fasziniert Sie persönlich an Lebensgeschichten?


Mareile Seeber-Tegethoff: Wenn ich mich mit einer Lebensgeschichte befasse, tauche ich in ein fremdes Leben ein. Ich verlasse meine gewohnte Perspektive und sehe Zusammenhänge mit den Augen eines anderen. Diese Erfahrung empfinde ich als sehr bereichernd. Sie kann mich z.B. davor bewahren, vorschnell über andere Menschen zu urteilen.


Was war die erste Biografie, die Sie selbst gelesen haben?


Mareile Seeber-Tegethoff: Spontan fällt mir „Das Tagebuch der Anne Frank“ ein. Dieses Buch ist natürlich keine klassische Biografie, vielmehr eine ganz besondere Form der Autobiografie. Als Tagebuch ermöglicht es den bereits erwähnten Perspektivwechsel sehr unmittelbar.Als ich „Das Tagebuch der Anne Frank“ zum ersten Mal las, war ich ungefähr so alt wie Anne zum Zeitpunkt ihrer Aufzeichnungen. Insofern konnte ich mich sehr gut in ihre Gedanken und Gefühle hineinversetzen. Ich glaube, zum ersten Mal verstand ich – zumindest annäherungsweise – das ganze Ausmaß des Dritten Reiches. Im Geschichtsunterricht und auch in meinem Elternhaus hatte ich schon einiges darüber gehört, konnte mir diese Zeit aber nicht wirklich vorstellen. Erst durch „Das Tagebuch der Anne Frank“ gelang mir dieser Zugang.


Was ist ihre Lieblingsbiografie – und warum?


Mareile Seeber-Tegethoff: Es fällt mir schwer, eine einzige Lieblingsbiografie zu nennen, weil es viele gibt, die mich aus unterschiedlichen Gründen und zu unterschiedlichen Zeiten fasziniert haben. Ich greife eine davon heraus: „Gerdas Schweigen“ von Knut Elstermann. In diesem Buch vermischt sich eine autobiografische mit einer biografischen Erzählung. Gerda – eine Freundin der Großmutter von Knut Elstermann – hatte als Jüdin Ausschwitz überlebt und war nach dem 2. Weltkrieg in die USA ausgewandert. Als Kind hatte der Autor Gerda während eines Besuchs eine „verbotene“ Frage gestellt, die nicht beantwortet worden war. Als Erwachsener geht er erneut dieser Frage nach. Knut Elstermann erzählt in seinem Buch also nicht nur Gerdas Geschichte, sondern auch von der Art und Weise, wie er sich Gerda und ihrer „geheimen“ Vergangenheit angenähert hat. Lebensgeschichten sind veränderliche persönliche Wahrheiten. Sie entstehen immer in einem bestimmten Kontext. Die Erinnerungen des Erzählers werden beeinflusst durch aktuelle Geschehnisse, Erzählanlass und Art der Zuhörerschaft. Das Buch „Gerdas Schweigen“ lässt diese Zusammenhänge besonders deutlich werden.

Warum lohnt es sich überhaupt, Lebensgeschichten zu lesen?


Mareile Seeber-Tegethoff: Lebensgeschichten ermöglichen mir einen sehr persönlichen Zugang zu einer mir bis dahin unbekannten Welt. So fremd die geschilderten Erlebnisse auch sein mögen – als Mensch kann ich doch immer Anknüpfungspunkte zu eigenen Erfahrungen finden und mir darüber die Alltagswelt einer anderen Zeit oder Kultur erschließen. Während Zahlen, Statistiken oder Abhandlungen ein abstraktes Wissen vermitteln, ermöglichen Lebensgeschichten Empathie. Und die ist meines Erachtens grundlegend für wirkliches Verständnis.

Sie selbst lesen nicht nur Lebensgeschichten. Sie erzählen auch Lebensgeschichten – von ganz unterschiedlichen Menschen. Wie haben Sie selbst zum biografischen Arbeiten gefunden?

Mareile Seeber-Tegethoff: Während meines Studiums der Ethnologie und im Rahmen meiner wissenschaftlichen Forschungen setzte ich mich immer wieder intensiv mit Lebensgeschichten auseinander. In meiner Dissertation beschäftigte ich mich mit der Frage, inwieweit sich Forscher und Erforschte im Rahmen des Forschungsprozesses gegenseitig beeinflussen. Dieser Frage ging ich am Beispiel afrobrasilianischer Religionen in Brasilien nach. Ich führte zahlreiche lebensgeschichtliche Interviews, sowohl mit Religionsanhängern als auch mit Wissenschaftlern, die diese Religion erforschten. Jedes dieser Interviews eröffnete mir ein neues, faszinierendes Universum.Basierend auf diesen Erfahrungen beschloss ich, mein Wissen im privaten Bereich einzusetzen und meine Großmutter zu interviewen. Doch diesmal sollte keine wissenschaftliche Analyse erfolgen, ich wollte vielmehr ihre Erinnerungen für die Familie festhalten. Deshalb schrieb ich aus dem, was sie mir erzählte, ihre Autobiografie. Ich fungierte quasi als Ghostwriterin für meine Oma. Dieses Buch wurde ein großer Erfolg, nicht nur in meiner Familie, sondern auch im Freundes- und Bekanntenkreis meiner Großmutter. Anfragen anderer Menschen erreichten mich – und so entstand die Idee zu „Worte & Leben“: Eine Biografiewerkstatt, in der ich Lebenserinnerungen für andere festhalte.


Mit „Worte & Leben“ haben Sie ihren eigenen Biografien-Verlag geschaffen. Wo liegen die Schwerpunkte ihrer biografischen Arbeit?


Mareile Seeber-Tegethoff: Die Lebensbücher, die ich für meine Kunden schreibe, richten sich zumeist an ihre Familie, so dass ich in der Regel nur wenige, exklusive Exemplare anfertigen lasse. Es sind ja auch keine berühmten Persönlichkeiten, um die es geht. Vieles ist vor allem für die Angehörigen interessant. Doch immer wieder begegnen mir Geschichten, die auch für ein breites Publikum von Interesse sind. Deshalb habe ich – mehr als zehn Jahre nach der Eröffnung meiner Biografiewerkstatt – den Verlag dazu gegründet. Auslöser war das Buch „Von einem, der stets die Gelegenheit ergriff“, das ich zunächst für einen Kunden geschrieben hatte, anschließend aber gerne der Öffentlichkeit zugänglich machen wollte. Diese Autobiografie vermittelt nicht nur viele geschichtliche Aspekte, sondern sie zeigt auch eine besondere Lebenseinstellung, die dem Erzähler das Überleben in schwierigen Zeiten ermöglichte.Als ich den Verlag 2017 gründete, sprach noch ein anderes wichtiges Argument dafür: Ich konnte mir damit – viele Jahre, nachdem ich ein Volontariat in einem kleinen Verlag absolviert hatte – einen langgehegten Traum erfüllen. Inzwischen sind noch zwei weitere Bücher erschienen: die Anthologie „Kriegsenkelgefühle“, herausgegeben von Heike Pfingsten-Kleefeld, und mein Buch „Flüchtlingswege 1945-2015“.


Sie erzählen weniger die Lebensgeschichten von Prominenten, sondern von ganz normalen Menschen. Wie unterscheiden sich die beiden Genres?


Mareile Seeber-Tegethoff: Im Grunde ähneln sich die beiden Genres mehr, als man auf den ersten Blick meinen sollte – zumindest wenn wir an Autobiografien denken. Jeder, der seine Lebensgeschichte erzählt, inszeniert sich gewissermaßen selbst. Und jeder verfolgt bestimmte Absichten damit, ob bewusst oder unbewusst. Das gilt für „normale“ Menschen genauso wie für Prominente. In der Regel wollen beide Gruppen ihre persönlichen Lebensentscheidungen erklären und damit auch rechtfertigen.Meiner Ansicht nach liegen die größten Unterschiede dieser beiden Genres in ihrem Fokus. Während sich z.B. Politiker in der Regel auf die politischen Zusammenhänge und ihre eigene Rolle darin konzentrieren, erzählen normale Menschen von ihrem ganz alltäglichen Leben. Letztendlich erleben sie in ihrem Alltag die Auswirkungen der Entscheidungen, von denen die Politiker in ihren Memoiren berichten. Diesen Alltagserfahrungen wird m. E. oft zu wenig Wert beigemessen – vielleicht weil sie nicht so spektakulär sind. Aber gerade über diese Alltagserfahrungen finden die „normalen“ Leser Zugang zu der Welt, von der erzählt wird.


In ihrem aktuellen Buch geben sie ganz unterschiedlichen Menschen eine Stimme, die zwischen 1945-2015 eine Flucht erlebt haben. Wie ist die Idee zu diesem Buch entstanden?


Mareile Seeber-Tegethoff: In einer Zeit, in der alle über Flüchtlinge redeten – ich spreche von 2015, 2016, aber im Grunde ist es heute noch genauso – wollte ich ein Buch machen, in dem Flüchtlinge selbst zu Wort kommen. Ich hatte das Gefühl, dass ihre Stimmen in dieser Diskussion viel zu selten gehört werden. Als Biografin fühlte ich mich deshalb berufen, als eine Art Sprachrohr für Geflüchtete fungieren zu können.

Inwiefern hat Ihnen dabei ihre bisherige biografische Arbeit geholfen?


Mareile Seeber-Tegethoff: Da ich zu diesem Zeitpunkt schon länger mit den Lebensgeschichten von älteren Menschen befasst war, war mir das Thema Flucht und Neubeginn in dieser Generation schon recht vertraut. Und je mehr ich von heutigen Flüchtlingen hörte, desto klarer wurde mir, dass es viele Parallelen gibt, und dass das Zusammenbringen dieser Geschichten zu mehr Verständnis füreinander führen kann. In Gesprächen mit Hilfsorganisationen erfuhr ich zudem, dass sich oftmals gerade diejenigen ehrenamtlich für Flüchtlinge engagieren, die selbst in der Vergangenheit Flucht erfahren haben. Auch diese Querverbindungen wollte ich mit meinem Buch zeigen.


Wann ist diese Buchidee konkret geworden?


Mareile Seeber-Tegethoff: So ein Projekt lässt sich natürlich nur verwirklichen, wenn sich Unterstützer finden. Da sowohl die DRK-Kaufbar in Braunschweig als auch die Stiftung Integrationskultur in Rottenburg am Neckar ihre finanzielle Beteiligung zusagten, konnte ich 2017 mit der Arbeit an dem Buch beginnen.


Wie haben Sie ihre Protagonisten gefunden – und wie liefen die Gespräche?


Mareile Seeber-Tegethoff: Einige der Erzähler lernte ich auf Veranstaltungen kennen, andere über Hilfsorganisationen und Kirchengemeinden. Zufall und Glück spielten genauso eine Rolle wie die örtlichen Netzwerke. Ein wichtiges Kriterium für die Auswahl der Erzähler waren ihre deutschen Sprachkenntnisse. Eines der Interviews führte ich mit Hilfe einer Dolmetscherin, doch dabei ging natürlich einiges von der persönlichen Erzählweise verloren. Jeder hat eine andere Art, die Dinge darzustellen. Dieser individuelle Stil sollte im Buch erhalten bleiben. Gerade dadurch kommen die Protagonisten dem Leser sehr nah. Die Auswahl der Gesprächspartner wurde auch durch die Absicht bestimmt, mit ihnen ein möglichst breites Spektrum abzudecken, bezogen auf den Zeitpunkt und den Ausgangsort der Flucht. Natürlich können acht Erzähler nicht repräsentativ sein für die vielen Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht waren und sind. Aber sie zeigen sowohl ganz unterschiedliche Facetten als auch übergreifenden Gemeinsamkeiten bei diesem Thema. Ich führte mit jedem der Erzähler intensive Gespräche, die sich zumeist über mehrere Treffen erstreckten. Alles, was gesagt wurde, schrieb ich anhand von Tonaufnahmen zunächst wörtlich auf. Dieses Textmaterial überarbeitete ich anschließend hinsichtlich der Lesbarkeit, der Verständlichkeit und des Erzählbogens, wobei wie gesagt die zugrundeliegenden Aussagen und der persönliche Stil im Wesentlichen erhalten geblieben sind.


Ihr Anspruch ist es, die Menschen in ihren Büchern selbst zu Wort kommen zu lassen. Wie schaffen Sie es, sich selbst auf so unterschiedliche Charaktere einzulassen?


Mareile Seeber-Tegethoff: Es fasziniert mich, in eine fremde Haut zu schlüpfen. Je mehr ich mich mit einem einzelnen Menschen beschäftige, desto mehr Facetten erkenne ich. Ein ganzes Universum tut sich auf. Dieses entdecken zu wollen, spornt mich jedes Mal erneut an. Trotzdem ist es natürlich nicht immer einfach. Manche Charaktere liegen mir mehr als andere. Doch als Ethnologin habe ich gelernt, eine fremde Kultur verstehen zu wollen, ohne sie dabei zu bewerten. Diese Art der Herangehensweise kann ich auf meine Arbeit als Biografin übertragen. Auch wenn ich nicht alles befürworte, was jemand getan hat oder denkt, so kann ich es in den meisten Fällen doch als Teil seiner Persönlichkeit akzeptieren und nachvollziehen. Das Buch, was am Ende entsteht, erzählt schließlich nicht meine Geschichte, sondern die eines anderen. Sicherlich gibt es Grenzen, wo auch meine Toleranz aufhört. Aber glücklicherweise ist mir bisher noch kein Kunde begegnet, dessen Geschichte ich nicht hätte akzeptieren können. Sollte das eines Tages der Fall sein, müsste ich diesen Auftrag wohl ablehnen.


Zu guter Letzt: Wo liegt die größte Herausforderung beim biografischen Arbeiten – und worin liegt die größte Chance?


Mareile Seeber-Tegethoff: Für mich liegt die größte Herausforderung darin, dem Erzähler so gerecht wie möglich zu werden. Wenn ich die Originalerzählung überarbeite, möchte ich Stil und Aussage erhalten, gleichzeitig aber auch einen strukturierten, verständlichen und lesenswerten, im Idealfall fesselnden und ergreifenden Text schaffen. Das ist immer eine Gradwanderung. Die größte Chance liegt für mich darin, die Persönlichkeit eines einzelnen Menschen herauszuarbeiten und anderen nahezubringen. Jeder Mensch hat eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden!

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