• Gernot Uhl

Buchtipp: Karl Gabl, Ich habe die Wolken von oben und unten gesehen

Interview: Der Meteorologe und Bergsteiger Karl Gabl über Mut, Vertrauen und kommerzielle Expeditionen zu den hohen Bergen


Er redet übers Wetter – und in den Basislagern dieser Welt hängt man gebannt am Satellitentelefon. Was der österreichische Meteorologe Professor Dr. Karl Gabl zu sagen hat, entscheidet über Bergsteigerträume – und über Bergsteigerleben. Seit Mitte der 1990er Jahre planen Spitzenalpinisten ihre Besteigungen mithilfe der Prognosen des weltweit angesehenen Wetter-Wissenschaftlers, der selbst sein ganzes Leben lang gerne und erfolgreich auf Berge gestiegen ist. Im Eulengezwitscher-Interview spricht Karl Gabl über seine im Tyrolia-Verlag erschienene Autobiografie, über Verantwortung und Familie.


Der Südtiroler Extrembergsteiger Hans Kammerlander bewundert Karl Gabl, „denn er ist in der Lage, die Wetterentwicklung in den Himalaya- und Karakorum-Regionen mit sehr hoher Trefferquote zu prognostizieren.“ Auch Simone Moro, Gerlinde Kaltenbrunner und Ralf Dujmotivs setzen auf seine Expertise. Man muss nicht lange mit Karl Gabl telefonieren um zu verstehen, warum die internationale Elite der Alpinisten sich auf ihn als Berater verlässt. Er spricht bedacht, beruhigend, immer zur Sache, dabei aber persönlich. Genauso ist seine Autobiografie, über die ich mit Professor Gabl gesprochen habe: Das Bergsteigen ist Ihnen in gewisser Weise in die Wiege gelegt: Sie stammen aus einer Sportler-Familie und sind am Arlberg zuhause. Wie aber sind Sie zur Meteorologie gekommen?


Karl Gabl: Anfangs fand ich Landschaften faszinierend und hatte mich mit dem Gedanken getragen, Geographie zu studieren. Daraus ist dann eine intensive Beschäftigung mit Eislandschaften geworden – und ein Meteorologie-Studium. Ich habe bei einem renommierten Glaziologen studiert und hätte mir durchaus vorstellen können, später in der Antarktis zu forschen. Meine eigene Bergsteigerei hat aber auch eine wichtige Rolle gespielt und so hat sich mein Berufsweg anders entwickelt.


Dafür gibt es viele dankbare Zeugen: In Ihrer Autobiografie sind kleine Kapitel eingestreut, in denen viele bekannte Alpinisten wie Ralf Dujmovits und Gerlinde Kaltenbrunner davon erzählen, wie ihre Expeditionen auch dank Ihrer Wetterprognosen erfolgreich verlaufen sind. Wie sind sie zum Expeditionsberater geworden?


Karl Gabl: Das war etwa Mitte der 1990er-Jahre. Ich weiß noch, wie ich Ralf Dujmovits beraten habe, ein günstiges Wetterfenster für einen Gipfelversuch am Broad Peak zu finden. Er ist mit seiner Expedition bei nicht gerade besten Bedingungen aus dem Basislager aufgebrochen, während die übrigen Expeditionen auf besseres Wetter gewartet haben. Als sich das Fenster öffnete, war Ralf schon hoch genug, um sicher zu Gipfel und zurück zu kommen. Seine Expedition war in diesem Jahr die einzige, die es auf den Broad Peak geschafft hat. Dass ich auf Anfrage Prognosen stelle, hat sich dann nach und nach immer mehr herumgesprochen. Heute berate ich Bergsteiger, die ich gar nicht persönlich kenne.


Die Bergwelt kennt Sie als verlässlichen Meteorologen und als „Wetter-Guru“. In Ihrer Autobiografie zeigen Sie sich vor allem als Bergsteiger. Warum ist Ihnen diese Wahrnehmung wichtig?


Karl Gabl: Weil man das Eine vom Anderen nicht trennen kann. Ich bin Bergsteiger und Meteorologe – und beides fließt auch in meine Prognosen ein. Da geht es nicht nur um Regenwahrscheinlichkeiten, Windgeschwindigkeiten und Temperaturstürze, sondern auch um die Taktik und Strategie der Expeditionen, die ich berate. Wir besprechen nicht nur die Wetterdaten, sondern reden über die Gesamtsituation. Dabei hilft mir meine eigene Erfahrung im Expeditionsbergsteigen. Insofern lege ich einen gewissen Wert darauf, bergsteigender Meteorologe zu sein und kein golfspielender Meteorologe.

Gernot Uhl: Sie beschreiben Ihre Unruhe und die Angst vor Fehlprognosen, weil deren Konsequenzen tödlich enden können. Wie gehen Sie damit um, dass Ihnen ein tiefes Vertrauen entgegengebracht wird, obwohl sich das Wetter nicht immer an Prognosen hält?


Karl Gabl: Die Entscheidung, ob und wann man zu einem Gipfelversuch aufbricht, trifft nicht der Meteorologe. Diese Entscheidung trifft immer der Bergsteiger. Natürlich bin ich mir bewusst, dass diese Entscheidungen stark davon beeinflusst sind, wie ich die Wetterlage einschätze. Deshalb spreche ich beispielsweise auch die Qualität der Modelle an. Es kann auch sein, dass man mit verschiedenen der gängigen globalen Wettermodelle zu unterschiedlichen Ergebnissen kommt. Dann beginnt eine schwierige Abwägung. Die Angst vor Fehlprognosen schwingt immer mit, aber es gab bislang bei meinen Vorhersagen deutlich mehr Erfolge als Misserfolge. Über das Vertrauen in meine Prognosen freue ich mich sehr. Trotzdem bleibt es dabei: Das letzte Risiko muss jeder selbst tragen.


Sie selbst haben dafür ein gutes Beispiel gegeben und eine Besteigung des 8201 Meter hohen Cho Oyu abgebrochen. In Ihrer Autobiografie findet sich der bemerkenswerten Satz: „Ich war niemals zu feige, umzudrehen und aufzugeben.“ Inwiefern erfordert das mehr Mut, als den Gefahren eines weiteren Aufstiegs zu trotzen?


Karl Gabl: Da spielt die Psyche eine große Rolle. Gerade beim Höhenbergsteigen liegt eine große Gefahr darin, dass man sich zu sehr von der Psyche steuern lässt. Es ist jedenfalls ein bergsteigerischer Maximalfehler, wenn einer zu einem Achttausender fährt und sich die ganze Zeit denkt: „Ich habe so viel Geld investiert und so viel Urlaub genommen – jetzt muss ich den Gipfel auf jeden Fall schaffen.“ Das sind Umstände, unter denen sich schon viele tödliche Unfälle ereignet haben. Solche Unfälle sind vermeidbar, wenn man sich schon vor dem Expeditionsbeginn – zum Beispiel beim Packen der Ausrüstung – dafür entscheidet, genau dann abzubrechen, wenn nicht alles hundertprozentig passt. Als Bergführer, Mitglied der Bergrettung und als Gutachter bei alpinen Unfällen ist die Sicherheit am Berg eines meiner wichtigsten Anliegen. Beim Aufstieg auf den Cho Oyu musste ich Erfrierungen fürchten und bin umgekehrt. Davon abgesehen habe ich als Familienvater nicht nur Verantwortung für mich getragen…


Nicht wenige, die die höchsten Bergen der Welt bestiegen haben, zählen Sie als Wetterberater zu den Expeditionsmitgliedern. Wie nah sind Sie an den Expeditionen dran, die Sie beraten?


Karl Gabl: Man telefoniert nicht stündlich miteinander, aber alle drei, vier Tage tauscht man sich schon aus. Wenn sich jemand von mir beraten lässt und dann unterwegs ist, dann fiebere ich natürlich auch mit. Und ansonsten würde ich sagen: Man ist immer in lockerem Kontakt.


Wie schätzen Sie die den Trend ein, hohe Berge als touristische Ziele für zahlungskräftige Kunden vermarkten.


Karl Gabl: Es gibt ja solche und solche kommerziellen Expeditionen. Ich berate auch Expeditionen, deren Teilnehmer zahlende Kunden sind. Wenn der Bergführer ein Profi ist und sich genau anschaut, wen er mitnimmt auf eine schwierige Expedition nimmt, dann ist das etwas anderes als der moderne Massentourismus am Mount Everest. Wenn hinten ein Sherpa drückt, vorne einer zieht und der dritte den Sauerstoff und das Zelt tragen muss, dann hat das mit Bergsteigen das nur noch wenig zu tun…


Ganz anders die Autobiografie von Karl Gabl. Sie ist nicht nur an Erinnerungen und Reflexionen über Bergwelten und ihre Entwicklung, sondern auch ansprechendend bebildert und unterhaltsam erzählt.
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